Hey, ich bin Belinda.
Vom 25. September 2025 bis zum 7. März 2026 habe ich ein Langzeitprojekt in Süditalien gemacht, in einer kleinen Stadt namens Taurisano.
Und wenn ich heute nur den Namen Taurisano höre, fühlt sich mein Herz gleichzeitig leicht und schwer an. Leicht, weil diese Zeit wundervoll, intensiv, chaotisch, abenteuerlich, albern und voller Leben war. Schwer, weil ich kaum glauben kann, dass dieses halbe Jahr schon vorbei ist. Die Zeit ist so schnell verflogen.
Rückblickend kann ich, ohne zu zögern sagen, dass die Entscheidung, dieses Projekt zu machen, eine der besten meines ganzen Auslandsjahres war. Bevor ich hierherkam, war mein Kopf sehr kreativ darin, sich Worst-Case-Szenarien auszumalen. Ich hatte Angst, überfordert zu sein. Angst, mich einsam zu fühlen. Angst, keine Freunde zu finden. Ich stellte mir vor, ich würde mich nicht mit meiner Mitbewohnerin verstehen, in einem Mini-Doppelzimmer landen und mich in meiner Arbeit verloren fühlen.
Doch an dem Tag, an dem ich in Taurisano ankam, ergab sich alles. Genauso, wie ich es brauchte, um zu wachsen.
Taurisano ist klein. Es gibt nicht unendlich viele Freizeitmöglichkeiten und kein riesiges Stadtangebot. Aber ich habe hier verstanden, dass es nie wirklich um den Ort geht, sondern um die Menschen und die Umgebung, die ihn lebendig machen. Schon am ersten Tag, als ich meine Mitbewohnerin aus Syrien kennenlernte, wusste ich, dass diese Freundschaft bleiben wird. Auch mit einer Erasmus-Studentin aus Frankreich, die mit uns für zwei Monate zusammenlebte, verstand ich mich auf Anhieb und werde mich ziemlich sicher bald wieder mit ihr treffen.
Ich hatte das große Glück, ganz unterschiedliche Arbeitsumgebungen kennenzulernen. Ich ging täglich in den nahegelegenen Kindergarten, wo ich vielen kleinen Kindern sehr nahekam und viel über ihre Gefühle und Persönlichkeit lernte.
Wir präsentierten unser Projekt in Schulen und bei Veranstaltungen. Wir unterrichteten Englisch und später sogar unsere Muttersprachen (in meinem Fall Deutsch) vor einer überraschend großen und motivierten Gruppe jeden Alters. Wir reisten für einen Kurztrip nach Rumänien, um dort ein Projekt vorzustellen und andere Ideen zu hören. Unser einwöchiges Ankunftstraining in Rom mit allen Volunteers aus Italien war definitiv eines der Highlights meiner Zeit hier.
Gegen Ende arbeiteten wir in einem Zentrum für Menschen mit Alzheimer. Diese Zeit hat mich tief berührt. Ja, es ist traurig zu sehen, wie Erinnerungen verblassen. Aber es ist auch wunderschön zu erkennen, wie viel Geschichte in diesen Menschen steckt. Ich führte Gespräche, die ich nie vergessen werde – bekam Ratschläge, die ich mir wirklich zu Herzen nehme.
Und vielleicht schließt sich hier ein Kreis: Ich bin mit vielen Ängsten gekommen. Und ich gehe mit so viel mehr Vertrauen. Dieses Projekt hat mir gezeigt, dass meine größten Ängste oft nur in meinem Kopf existieren und dass hinter ihnen meistens genau das wartet, was mich wachsen lässt.
Ah ja, und ich kann jetzt Italienisch sprechen, woooww! Okay, nicht perfekt, aber ich kann mich unterhalten, und das ist für mich das Wichtigste am Sprachenlernen.
Es gibt unzählige Momente, die ich nie vergessen werde. Es sind die kleinen, großen Momente, die bleiben: Wöchentliche Pasta-Abende bis spät in die Nacht mit einer Freundesclique. Gitarrenabende, an denen wir italienische Lieder sangen, die ich heute tatsächlich auswendig kann. Unsere regelmäßigen Abende in unserer Lieblingsbar „Normal“ mit den Mädels und anderen Gruppen, wo wir über Gott, das Leben und alles dazwischen sprachen. Nächte im Haus der Oma eines Freundes voller Lachen, Kartenspiele, Mario Kart und Gespräche bis zum Morgengrauen. Auch die Zeiten, in denen ich etwa von meinen österreichischen Freunden oder meiner Family besucht wurde, habe ich in guter Erinnerung!
Dank unserer Freunde mit Autos (absolut essenziell in einer kleinen süditalienischen Stadt) konnten wir die wunderschöne Umgebung erkunden, das Meer sehen, durch kleine Orte fahren, Städte besichtigen und einfach losziehen. „Una lemon soda o un Aperol Spritz, per favore“ – diese Worte gehören inzwischen zu mir. Und Pasta? Pasta wird für mich für immer nach Italien schmecken, da wir gefühlt jeden Tag Pasta in unserer WG gekocht haben.
Ich habe hier nicht nur Erfahrungen gesammelt. Ich habe gelernt, selbstständig zu leben. Zu kochen. Zu putzen. Einzukaufen. Wäsche zu waschen. Verantwortung zu übernehmen. Aber vor allem habe ich gelernt, mich selbst besser zu verstehen: meine Bedürfnisse, meine Routinen, meine Grenzen, meine Träume. Ich weiß jetzt klarer, mit welchen Menschen ich mich wohlfühle. Und ich habe eine deutlichere Vorstellung davon, wie meine Zukunft aussehen darf.
Der Abschied wird weh tun. Sehr. Aber ich gehe lieber mit einem schweren Herzen nach Hause – gefüllt mit Liebe, Erinnerungen und Dankbarkeit – als mit einem leeren.
Taurisano hat mir mehr gegeben, als ich je erwartet hätte. Vielleicht war es nur ein halbes Jahr – aber es hat mich für immer verändert. Taurisano wird immer ein Teil von mir bleiben, egal wohin mein Weg mich als nächstes führt.
Und ich weiß, dass ich eines Tages nur eine Lemon Soda schmecken oder eine italienische Gitarre hören muss – und ich bin wieder dort. In warmen Nächten. Zwischen Chaos. Zwischen Lachen. Zwischen so viel Leben.
GRAZIE a tutti!
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aktualisiert 05/2026
Belinda Wallner
Ich bin Belinda, 20 Jahre alt, komme aus Meiningen in Vorarlberg und befinde mich gerade in meinem Gap-Year und habe mich nach der Matura bewusst dazu entschieden, ein Jahr lang zu reisen und neue Erfahrungen zu machen. Im Herbst beginne ich mit meinem Studium und bis dahin werde ich noch weiter viele Orte erkundigen.