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Vom Kulturschock zum zweiten Zuhause

Wenn ich an Ermesinde, dieses etwas ausgestorbene Dorf in Portugal in der Nähe von Porto denke und Freunden von dieser Zeit erzähle, fallen mir genau drei Dinge ein, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind und vielleicht am ehesten sehenswert für den ein oder anderen durchreisenden Touristen sind. Das sind

1. der größte leuchtende Christbaum (und ja er steht auch unterm Jahr, am Valentinstag rotiert er mit blinkenden roten Herzen und im Sommer wird er dann durch eine riesige portugiesische Flagge ersetzt)

2. Lidl und Pingo Doce, zwei Supermarktketten (die es aber sonst auch in jedem Dorf gibt) bei denen meine Mitbewohnerin Angeliki und ich immer unsere Wocheneinkäufe gemacht haben und uns dabei immer ewig Zeit gelassen haben, die neusten Produkte und Angebote zu durchschauen.

3. Und last but not least at all Preguica, DIE Bar des Dorfes, wo wir uns meist fast jeden Tag am Abend gemeinsam mit den anderen Freiwilligen, die in einer anderen Organisation arbeiteten, trafen. Etliche Unicornos (das billigste Getränk der Karte in 15 verschiedenen Sorten, aber jede schmeckt nach Zitrone), lange Gespräche, Kartenspiele und auch meine Liebe für Super Bock (eine portugiesische Biermarke) entdeckte ich in dieser Bar.

Mit dem ringenden Gefühl nach Freiheit und Ausbruch aus dem Alltag entschied ich Mitte Dezember mich für verschiedene ESK Projekte zu bewerben, bis ich schließlich in Portugal angenommen wurde. Alles ging los am 6. Jänner, wo ich nach Portugal flog und dort bis Ende April für vier Monate in Portugal in der Organisation Sójovem in Ermesinde, 20 Minuten mit dem Zug entfernt von Porto blieb.

Um ehrlich zu sein, war ich anfangs ziemlich geschockt. Meine Vorstellungen waren ganz anders: 26 Grad strahlender Sonnenschein in einer Stadt mit vielen Studenten, jeden Tag baden und bräunen, nahe am Meer. Doch ich war in einem Dorf irgendwo in den Pampas in Portugal, kälter als Österreich mit täglichem Unwetter, Überschwemmungswarnungen und einem geschätzten Bürgerdurchschnittsalter von 60. Müll und Hundekotslalom auf den Straßen und in dieser Zeit war ich auch noch die einzige Freiwillige in dieser Organisation.

Sagen wir es so… ich musste mich die ersten paar Wochen erstmal einleben.

Aber schon nach mehr oder weniger einem Monat, als meine Mitbewohner/innen einzogen, das Wetter schöner und auch das Leben lebendiger wurde, fühlte ich mich wie zu Hause. So zu Hause, dass ich jetzt, wo ich fertig mit meinem Freiwilligendienst bin Fernweh nach diesem „Zuhause“ habe, weil diese Menschen, diese Zeit  und dieser Ort mir so ans Herz gewachsen sind und schließlich ein Teil von mir wurden.

Bei meiner Arbeit durfte ich mir ein Projekt selbst aussuchen und habe deshalb Musikunterricht, hauptsächlich Geige und Musiktheorie, aber auch ein bisschen Klavierunterricht gegeben. Dabei habe ich meine Liebe fürs Unterrichten entdeckt, weshalb ich auch beschlossen habe, jetzt ab Herbst Musik und Tanzpädagogik zu studieren. Ansonsten habe ich auch noch einen Kleidertausch organisiert und bei verschiedenen anderen Projekten in der Organisation mitgearbeitet und war auch bei einem Erasmus+ Projekt über Musicproducing in Straßburg.

Mit zwei Freiwilligen aus der Türkei, Zehra, einer Künstlerin, Serkan, einem Influencer und Angeliki, einer Sozialarbeiterin aus Griechenland wohnte ich in einem Appartment zusammen. Wir alle waren vom Charakter und wie wir kulturell geprägt wurden sehr unterschiedlich, wie sich schnell herausstellte und jeder hatte seine Bedenken, ob wir uns denn überhaupt verstehen würden. Und trotz allem haben wir uns irgendwie ziemlich schnell, ziemlich gut verstanden. Ich hab alle sehr in mein Herz geschlossen und bereits nach drei Wochen meines beendeten Freiwilligeneinsatzes haben wir uns in Wien und danach in Porto besucht und es wird sicher nicht das letzte Mal sein, dass wir uns sehen.

Egal ob Filmabende zusammengequetscht auf der kleinen Couch in unserem Wohnzimmer, durchtanzte Club- und Festivalnächte in Porto, Fahrradfahren entlang des Atlantiks, viel zu viele Sonnenbrände, Pastel de nata mit Zimt, Super Bock in Preguica, Zigarettenpausen vor dem Office, São João (das größte Festival Portos, wo man in der ganzen Stadt Menschen mit bunten Hämmern auf den Kopf schlägt, weil das Glück bringen soll) oder Sonnenuntergänge mit Cookie von meinem Lieblingsladen in Porto – diese Zeit werde ich nie vergessen und sie wird für immer ganz nahe an meinem Herzen sein und mit jedem gelesenen Tagebucheintrag werde ich wieder ein Stück da sein.

Und nun bleibt mir nur noch ein Obrigada.

Obrigada für diese unglaubliche Zeit und hoffentlich até jà!

Anja Bodlak

Ich bin Anja, 20 Jahre, bin gerade in meinem Gap Year und werde im Herbst in Salzburg Elementare Musik und Tanzpädagogik studieren. Ob mit Interrail, Bike oder per Autostopp, jedes Jahr bin ich mindestens einmal mit meinen lieben vier Freunden auf einem anderen Punkt der Weltkarte. Wenn ich nicht gerade Musik mache oder höre, schreibe ich meistens Tagebuch, radel in der Gegend umher oder backe Bananenbrot.

Die geäußerten Ansichten und Meinungen entsprechen ausschließlich denen der Autor*innen und spiegeln nicht zwingend die der Europäischen Union oder der OeAD-GmbH wider. Weder die Europäische Union noch die OeAD-GmbH können dafür verantwortlich gemacht werden.

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aktualisiert 07/2026